Turmbau zu Machern 1924

Bericht aus der Zeitschrift des Deutschen Pfadfinderbundes "Der Pfadfinder", 19. Jahrgang, Januar 1929, Heft 1:

Aus der Bauzeit.
Die Tage der Revolution und noch mehr die der nachfolgenden Inflation waren an Machern nicht spurlos vorüber gegangen. Einbrüche waren an der Tagesordnung. So gibt es wohl heute vom unterirdischen Gang bis hinauf zur Plattform mit ihrer herrlichen Fernsicht keine Stelle im Turm, die nicht eine mehr oder weniger spannende Verbrechergeschichte erzählen könnte. Doch davon ein andermal. Zu "Schatzgräbern", Landstreichern und ähnlichem Gesindel kam eine Kategorie von Menschen, die gefährlicher war. Sie witterten in unserer festen Burg eine Erhardstation, ein Versteck für Munition und Schießgewehr. Selbst eine rote Hundertschaft hatten wir die Ehre zu begrüßen. Die einen betätigten sich als Möbelträger, die anderen waren tiefer veranlagt, sie rissen die Dielen auf und demolierten das kaum in Ordnung gebrachte Heim mit einer bewundernswerten Gründlichkeit. - Wir Pfadfinder erwogen zwar viele Pläne zur Erhaltung und Sicherung. Dazu gehörten Mittel - und Geld war das, was wir am wenigsten hatten. Das warme Interesse unserer Schirmherrin ruhte jedoch nicht, bis sie den Ausweg fand, und eine gänzliche Erneuerung von der Plattform bis zur Panzerplatte am Eingang in Angriff genommen werden konnte. Und das kam so.
   Herrlich schien die Pfingstsonne auf das Bundeslager am Knüll bei Kassel. Da - Seppel und Wölfchen, zwei kleine, naseweise (auch heute noch) Wölflinge, stritten sich gerade über die Vor- und Nachteile von eisernen bezw. hölzernen Heringen - sprach der "gestrenge" Führer zu seinem Trupp: "Also" - so fing er nämlich immer an, wenn er etwas Besonderes zu sagen hatte - wir gehen die nächsten Tage nicht auf Fahrt, sondern eilen heute abend noch nach Machern, um morgen vormittag mit den Turmarbeiten zu beginnen." - Pause. - Nach zehn Minuten erhebt sich der "schwer"-geprüfte Führer vom Boden, den fünfzehn Wölflinge solange gefesselt hielten. Ob dies aus Freude, aus Begeisterung oder aus anderen Gefühlen heraus geschah, ist bis heute noch nicht aufgeklärt. Es war Montag Mittag. Die nächsten vierundzwanzig Stunden vergingen für uns im Telegrammstil: sechzehn Pfadfinder schreiben fünfzehn Karten (Pilo hatte seinen Bleistift vergessen): "Nach herrlichen Tagen pfadfinderischen Erlebens geht es heute abend zum Bau ins Landheim. Herzlichen Gruß Euer dankbarer..." - Zelte abbrechen - Rucksack packen - zwei Stunden zum Bahnhof marschieren - 19 Uhr: abfahren - 6 Uhr: an Leipzig - 8 Uhr: an Machern - 8.15 Uhr: Frühstück auf Schloßterasse - 9 Uhr: Ankunft am Turm - 11 Uhr: 4000 Ziegelsteine abgeladen - 19 Uhr: 4000 Steine auf Treppenabsätzen und im Rittersaal, der Baubude für die nächsten Monate. Daß wir die nächste Nacht nach reichlicher Verpflegung aus der Schloßküche nicht schlaflos verbrachten, könnt ihr euch denken.
   Dies war der Auftakt für eine Woche festen Zupackens, in der der Turm um einen halben Meter gehoben (? die Schriftleitung) und die Decke für eine neue Plattform eingezogen wurde. Dadurch entstand ein neues 5. Stockwerk und in diesem ein Raum, der von Herrn Rittergutsbesitzer P. Schnetger, Schloss Machern zu Ehren unserer Schirmherrin "Hildegardkemenate" getauft wurde. In dieser Zeit wirklich strammer Arbeit gab es auch unendlich viel Vergnügen, vor allem durch die originellen Reden und Gebärden unserer beiden tüchtigen, alten Maurer, Hildebrand und Appel-Franke. Uns als seine kleinen "Hildebrandersch" betrachtend, versicherte uns der eine jeden Morgen aufs neue: Mein Name ist Hildebrand, aber meinen Sohn Hadubrand habe ich nicht mitgebracht. Warum der andere von uns Appel-Franke genannt wurde, mögt ihr selber erraten, jedenfalls war er glücklicher Besitzer einer Maurerhose, die in der Ecke aufrecht stehen blieb, wenn er sie abends ablegte, hängen konnte man sie nicht. Diese Hose war das Entzücken aller Wölflinge.

   Über die folgende Zeit laßt mich schweigen, denn einige unserer Leipziger Fähnlein vergaßen nur all' zu oft, die angesetzten Arbeitstage einzuhalten und ihre freie Zeit der raschen Förderung des großen, schönen Werkes zu widmen. Es war das erste Mal, daß ich die Schirmherrin an uns Pfadfindern fast verzweifeln sah, da sie in großer Selbstverständlichkeit freudigste Pflichterfüllung und Hilfe aller Pfadfinder ihren Bauhelfern zugesagt hatte. Eine neue Welle der Begeisterung setzte erst wieder im Herbst ein, als es galt die Hildegardkemenate zu täfeln, Wandschränke und Sitztruhen einzubauen.

   Die Tage der großen Arbeit sind vergessen und schon mancher Weihnachtsbaum hat im Heim inzwischen gebrannt. Wer heute an der Schloßtür klingelt, um sich die Schlüssel zum Eintritt zur Burg zu erbitten, findet darin alles bereit zu einem behaglichen Empfang und Verweilen. Eine kleine Kraftprobe öffnet die 11000 Pfund schwere Panzertür. Dahinter grüßt uns der 100 Liter fassende Wasserwagen. Wir durchschreiten den 50 Meter langen unterirdischen Gang, den einzigen Zugang, vorbei an Ritterbildern und Totenköpfen. Den kreuzgewölbten Küchenraum (früher Gefängnis) schließt eine geheimnisvolle Tür, die ihr euch alle selbst ansehen müßtet. Die steinernen Stufen (etwa 100) führen uns zunächst in den Schlafsaal, darin bequem 25 Mann in selbstgebauten Etagenbetten Platz finden können. Was die Dornröschenpforte birgt, darüber fragt die Eingeweihten. Der Raum darüber mit seinen beiden Ritterfresken diente früher als Speisesaal, jetzt ist er Hans Zeisig (Papa Piep mit seinen Raben) übergeben worden. Nun folgt der kunstgetäfelte Rittersaal mit geschnitzter Holzdecke, Kamin und Balkon. Dieser Raum hat eine große Geschichte. Vielleicht erzähle ich ein andermal etwas aus ihr. Mit der Hildegardkemenate, die der sechsten Abteilung (Lettow-Vorbeck) als eifrigstem Bautrupp von der Schirmherrin eingeräumt wurde, schließen die Räume ab und es bleibt nur noch die Plattform mit ihrer prächtigen Fernsicht, mit ihren Sonnenbädern und allem Zauber der Natur. Hier ist ein Sonnenaufgang ein Erlebnis, und das Herz weitet sich in Liebe zur schönen deutschen Heimat.




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